In Deutschland haben sich über ein Dutzend etablierte Blogger zusammengetan, um im «Internet-Manifest» ihre Position bezüglich dem angespannten Verhältnis zwischen den digitalen Mikropublizisten und den Journalisten und Verlegern der etablierten Massenmedien zu definieren. Das Echo in der Blogosphäre ist durchzogen. In den Kommentaren zum Manifest ist von «sehr schön» bis zu «anmassende Sammlung alter Hüte» alles zu finden.
Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass das digitale Publizieren eine «andere Öffentlichkeit schafft» (1. These). Doch die Herstellung medial vermittelter Öffentlichkeit ist ein Machtspiel. Denn Öffentlichkeit ist erst hergestellt, wenn eine «gesellschaftsbildende Aufgabe» (6. These) wahrgenommen werden kann. Und dies Bedarf einer effektiven Deutungsmacht.
Deutungsmacht wird entweder durch wirtschaftliche und politische Gewalt von oben ausgeübt oder durch basisdemokratische Macht von unten aufgebaut. Die ersten zwei Möglichkeiten stehen den digitalen Mikropublizisten eher selten zur Verfügung. Bleibt also der Mythos der Graswurzelbewegung im Internet. Deren Vertreter halten an der Theorie des «Long Tail» fest und hoffen, eines Tages selbst im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen bzw. das Licht selbst anknipsen zu können.
Um Deutungsmacht von unten aufzubauen, nützt es aber nichts, sich gegenseitig bloss zu verlinken und Kommentare wie «sehr schön» oder «anmassende Sammlung alter Hüte» auszutauschen. Marx würde vermutlich sagen, dass das gegenseitige Verlinken und Kommentieren unter den digitalen Mikropublizisten zwar zu einer «Klasse an sich», aber noch lange nicht zu einer Klasse von Publizisten für sich führe.
Wollen die digitalen Mikropublizisten eine andere Öffentlichkeit herstellen, dann müssen sie für ihr Anliegen kämpfen und nicht bloss lamentieren. Sie müssen sich organisieren und lobbyieren. Dazu braucht es ein gemeinsames Verständnis. Das vor zehn Jahren publizierte «Cluetrain-Manifest» war ein erster Schritt in diese Richtung. Das «Internet-Manifest» könnte diesen verloren gegangenen Faden wieder aufnehmen. Erzielen die digitalen Mikropublizisten kein gemeinsames Verständnis, haben sie keine gemeinsame Zwecke und Ziele und können sie sich nicht zu einer kritischen Masse organisieren, dann bleiben sie nicht mehr als eine störende Randerscheinung ums Zentrum der wirtschaftlich und politisch gesteuerten (Deutungs-)Macht.
Weiterführende Links
- Internet-Manifest: Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen netzpolitik.org
- Wiki zum «Internet-Manifest» netzpolitik.org (Diskussion wird leider immer wieder sabotiert)

