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Dialogische Kommunikation - Arbeit an der Öffentlichkeit


Das Internet als Störkanal

Das Internet ist kein demokratisches Medium! Es kann den demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess fördern, indem es Menschen vernetzt und Informationen leichter zugänglich macht. Aber das sind nur notwendige und keine hinreichende Bedingungen für die demokratische Meinungsbildung. Das Internet ist primär ein Störkanal. Es entfaltet seine Wirkung dort, wo geschlossene Systeme die Kontrolle über die Kommunikation und Deutungshoheit verlieren.

Der demokratische Diskurs hat eine andere Funktion und basiert auf anderen Regeln als die Auseinandersetzungen in der dialogischen Online-Kommunikation (Blog, Mikro-Blogs, soziale Netzwerke). Ersterer hat die Funktion, in einer Gesellschaft ein gemeinsames Verständnis über die Gesetze und Sitten des Zusammenlebens zu etablieren sowie gemeinsame Ziele für die Zukunft zu formulieren. Die Regeln des demokratischen Diskurses sind prinzipiell auf Konsens angelegt. Sie verlangen gegenseitigen Respekt, Wahrhaftigkeit und eine auf Gründen und Argumenten basierende Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens.

Die dialogische Online-Kommunikation hat die Funktion, dort eine Dialogbereitschaft einzufordern, wo die Meinungen der Bürger, Arbeitenden und Konsumenten blind übergangen werden. Sie ist nicht auf Konsens, sondern auf Dissens angelegt. Der Diskurs im Internet kennt selten Respekt und Fairness – dies hat nicht zuletzt mit der Anonymität im Netz zu tun. Es geht nicht um die Ermittlung eines gemeinsamen Verständnisses, sondern um die Betonung des individuellen Standpunktes. Die einzige Regel (noch) in der virtuellen Öffentlichkeit scheint ihre Regellosigkeit zu sein.

In der Politik entfaltet die dialogische Online-Kommunikation ihre Kraft allein in autoritären Systemen. Wird die Bevölkerung von einem echten demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess ausgeschlossen, sucht sie über das Internet ihre Meinung kund zu tun. Sie fordert auf diesem Weg eine Dialogbereitschaft der Machthaber ein. Der Erfolg der dialogischen Online-Kommunikation gründet in diesen Fällen in der schieren Unkontrollierbarkeit des Kommunikationsmittels Internet. Die am 12. Juni 2009 abgehaltenen Präsidentschaftswahlen im Iran und die anschliessenden Proteste auf der Strasse und im Netz sind ein musterhaftes Beispiel dafür.

In relativ gut funktionierenden Demokratien wie die Schweiz, spielt die dialogische Online-Kommunikation eine untergeordnete Rolle. Der demokratische Diskurs ist etabliert und die Bürger können ihre Meinung in regelmässigen Wahlen und Abstimmungen kund tun. Das Internet ist allenfalls relevant für die Vernetzung und Mobilisation der ausserparlamentarischen Opposition. Doch diese ist in einer Konkordanzdemokratie wie die Schweiz ziemlich bedeutungslos.

Die Wirtschaft sieht sich zunehmend mit Konsumenten konfrontiert, die nicht mehr blind auf die manipulierende Marketing- und PR-Kommunikation hereinfallen. Im Internet wird über Produkte, Dienstleistungen und das Image eines Unternehmens verhandelt, ohne dass die Unternehmenskommunikation wirklich Einfluss auf diese Marktgespräche nehmen könnte. Bei Fehlleistungen eines Unternehmens wird dieses in der virtuellen Öffentlichkeit unmittelbar an den Pranger gestellt. Auch hier fordern die Konsumenten eine Bereitschaft zum Dialog mit den Unternehmen ein.

Betrachtet man ein Unternehmen ebenfalls als geschlossenes System, so kann auch hier die dialogische Online-Kommunikation ihre Sprengkraft einwickeln. Die Grenzen zwischen dem Internet und den Intranets in den Unternehmen werden immer durchlässiger. Interne Informationen gelangen rasch nach draussen und im Internet geäusserte Meinungen gelangen unfiltriert nach innen. Kein Wunder sperren immer mehr Unternehmen intern den Zugang zu Diensten wie «YouTube», «Facebook» oder «Twitter». Ob und wie weit die dialogische Online-Kommunikation innerhalb eines Unternehmens – falls eine solche überhaupt zugelassen wird – deren Kultur verändern kann, wird sich in den nächsten Jahren noch zeigen. Jedenfalls ist die Vorstellung, dass die Manager-Exzesse der letzten Jahre durch eine offene, interne dialogische Online-Kommunikation teilweise zu vermeiden gewesen wären, nicht ganz abwegig.

Das Internet also ist primär ein Störkanal. Doch die Störung der etablierten und vor allem monopolisierten Kommunikation kann eine wichtige Voraussetzung für eine echte, demokratische Meinungsbildung sein.

Bildquelle

« Die Rolle der dialogischen Online-Medien in der demokratischen Meinungs- und Willensbildung – Gemeinsamkeiten der UBS und der Blogosphäre »

Info:
«Das Internet als Störkanal» ist Beitrag Nr. 18
Autor:
Christian Schenkel am 3. Juli 2009 um 14:44
Kategorie:
Grundlagen, Politische Kommunikation, Unternehmenskommunikation
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1 Kommentar »

  1. Markus Müller

    Mittels Volksintiative können wir als Legislative wirken. Das Internet ist aber meiner Meinung nach ein probates Mittel um der Exekutive bei Bedarf Druck zu machen, die von der Legislative und dem Souverän verabschiedeten Gesetze auch einzuhalten.

    #1 Kommentar vom 09. September 2009 um 20:55

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