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Dialogische Kommunikation - Arbeit an der Öffentlichkeit


Gemeinsamkeiten der UBS und der Blogosphäre

Im ersten Halbjahr 2009 sind von der Schweizer Grossbank UBS rund 54 Milliarden Franken an Kundengeldern abgeflossen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise und seit die betrügerischen Machenschaften der UBS in den USA öffentlich wurden, sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit der UBS schwer angeschlagen. In der Ausgabe vom 5. August 2009 kommentiert die «Neue Zürcher Zeitung» die Präsentation der Halbjahreszahlen der UBS unter dem Titel «Vertrauensdefizit» und schreibt weiter, dass das fehlende Vertrauenskapital die Achillesferse der Bank bleibe.

Auch in der Blogosphäre findet der grosse Auszug statt. David Bauer schreibt in der «SonntagsZeitung» vom 26. Juli 2009: «Die Blogosphäre […] wird immer mehr zur Geisterstadt. Wo noch vor ein, zwei Jahren Millionen Bloggerträume in den Himmel wuchsen, bleiben je länger je mehr nur die Erfolgreichsten und Ausdauerndsten übrig.» Die Blogosphäre als Institution leidet ebenfalls an mangelndem Vertrauen und mangelnder Glaubwürdigkeit. Die anfangs Juli 2009 präsentierte Bernet_PR/IAM-Studie «Journalisten im Internet» hat gezeigt, dass hiesige Journalisten die Glaubwürdigkeit der Blogosphäre im Vergleich zu anderen Informationsangeboten im Internet als tief einschätzen (vgl. «Journalisten im Internet: Studie präsentiert» auf bernetblog.ch). Hinter dieser Einschätzung steht wohl mehr als der übliche Negativreflex, den Journalisten der traditionellen Medien gegenüber Blogs haben.

Der offensichtliche Unterschied in dieser Analogie zwischen der UBS und der Blogosphäre liegt darin, dass Erstere ihr Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt, während Letztere über diese zwei Qualitäten gar nie verfügt hat. Doch schauen wir uns die Zusammenhänge genauer an.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Im etymologischen Wörterbuch «Kluge» steht, dass das Wort «glaube» ursprünglich etwas mit dem Wort «Laub» im Sinne von «Laubbüschel als Futter und Lockmittel für das Vieh» zu tun hat. Glaubwürdig ist demzufolge jemand, den wir für würdig halten, an ihn und sein Lockmittel zu glauben. «Vertrauen» und «Vertrauen erweckend» haben gemäss «Kluge» den gleichen Ursprung.

Doch der zeitgemässe Gebrauch dieser Wörter verweist nach meinem Dafürhalten auf eine nicht unwichtige Nuance. Glaubwürdig nennen wir jemanden, der in unserem und auch im Urteil der Mehrheit («das Vieh») die Wahrheit sagt. Oft hören wir den Ausspruch: «Du kannst den Worten dieser Person keinen Glauben schenken». Glaubwürdigkeit hat also etwas mit Kommunikation und Wahrhaftigkeit zu tun.

Vertrauen demgegenüber bezieht sich auf Handlungen. Wenn eine Person A sagt, sie vertraue Person B vorübergehen ihr Kind an, dann geht A davon aus, dass B einen pflichtbewussten Umgang mit dem ihm anvertrauten Kind pflegt. Vertrauen hat also etwas mit Handlungen und Pflichten zu tun.

Der Fall der UBS

Ich masse mir hier nicht an, der Schweizer Grossbank Ratschläge zu erteilen. Denn die ergeben sich aus dem Gesagten von selbst. Will die Bank ihre Reputation wieder herstellen, muss sie erstens regelmässig über die wirklichen Zusammenhänge kommunizieren und diese nicht hinter PR-Sprüchen verschleiern. Zweitens muss sie in Zukunft pflichtbewusst handeln. Ihre Rechtspflicht ist es, überall das geltende Recht zu akzeptieren. Ihre moralische Pflicht besteht darin, neben der ökonomischen, auch ihre ökologische und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.

Der Fall der Blogosphäre

Hier ist die Ausgangslage nicht so eindeutig. Denn es ist alles andere als klar, was für einen Anspruch die Blogosphäre als solche an sich erhebt. Stellt die Blogosphäre eine neue Art kritischer Öffentlichkeit her? Ist sie die fünfte Gewalt im Staat? Oder ist die Blogosphäre ein Mitmachmedium für alle, in dem das Primat des Privaten über das Öffentliche herrscht? Oder ist sie beides? Allein schon diese Fragen zeigen auf, dass mit den Kategorien Glaubwürdigkeit und Vertrauen in Bezug auf die Blogosphäre schwer zu operieren ist. Dennoch: Falls es Teile der Blogosphäre gibt, die für sich in Anspruch nehmen, eine andere Sicht der Wirklichkeit mitzuteilen, was spielen dann Glaubwürdigkeit und Vertrauen für eine Rolle?

Mit Blick auf die Glaubwürdigkeit stellt sich schnell die Frage nach der Wahrhaftigkeit der Akteure in der Blogosphäre. Und diese ist eng verknüpft mit der immer wieder aufflammenden Diskussion über die Anonymität im Internet. Magnus Klaue hat jüngst in einem Artikel geschrieben: «Die spezifische Wirkung der Internet-Anonymität besteht lediglich darin, gewisse zivilisatorische Rüstungen, die in der sozialen Aussenwelt mitunter noch funktionieren, endgültig überflüssig zu machen» (vgl. «Unser Netz muss sauber bleiben» auf freitag.de). Die Auseinandersetzung über Anonymität im Internet ist schliesslich eine Auseinandersetzung über die Glaubwürdigkeit des neuen Mediums.

Mit Blick auf das Vertrauen stellt sich eben die Frage nach den Pflichten, die die User im Allgemeinen und die Blogger im Speziellen eingehen, wenn sie sich im Internet bewegen. Viele User und Blogger sind der Ansicht, dass die einzige Regel des Internets die Regellosigkeit sei und damit auch keine Pflichten entstünden. Auch diesbezüglich laufen hitzigen Debatten. Jan Krone hat im April 2009 auf carta.info gefordert, dass das Netz mit all seinen Inhalten und Akteuren erwachsen werden soll und die Verantwortung für sein Tun übernehmen müsse (vgl. «Adieu Sandkasten Internet – wir werden erwachsen»).

Wollen die UBS und die Blogosphäre in Zukunft mit einem wirksamen Lockmittel die Kunden und Leser wieder anziehen, dann müssen sie noch hart an ihrer Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit arbeiten.

Weiterführende Links

Bildquelle

« Das Internet als Störkanal – Über die Regulierung des Unregulierten »

Info:
«Gemeinsamkeiten der UBS und der Blogosphäre» ist Beitrag Nr. 19
Autor:
Christian Schenkel am 8. August 2009 um 12:52
Kategorie:
Grundlagen, Unternehmenskommunikation
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