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Dialogische Kommunikation - Arbeit an der Öffentlichkeit


Ist die Blogosphäre tot?

Das Thema massenmediale Öffentlichkeit versus Blogosphäre hat derzeit Konjunktur. Im englischen Sprachraum hat der renommierte IT-Publizist, Nicholas Carr, anfangs November 2008 die Blogosphäre für tot erklärt (vgl. «Who killed the blogosphere?»). Einige Tage zuvor hat David Bauer in der «SonntagsZeitung» die Schweizer Blogosphäre in die Wüste geschickt (vgl. «Bla-Bla-Blogger – die Rebellen versinken im Mittelmass» (PDF)). Im Berner «Bund» vom 18. November 2008 teilt uns Hans-Jürgen Jakobs, Chefredaktor der Online-Ausgabe der «Süddeutschen Zeitung», seine kritische Einschätzung der Blogosphäre mit. In Deutschland sieht er immerhin «Anzeichen, dass einzelne Beiträge von Bloggern eine Debatte in Gang bringen und auf Fehlentwicklungen hinweisen». Aber sonst, so zitiert ihn der «Bund» weiter, sehe er «viel Geschwätz, Halbwissen und Wichtigtuerei».

Man kann sich, wie jüngst in der hiesigen Auseinandersetzung über Bauers Artikel in der «SonntagsZeitung» geschehen, gegenseitig die Haare ausreissen ob dem Zank über Sinn und Unsinn der Blogosphäre und deren Verhältnis zur massenmedialen Öffentlichkeit (vgl. «sonntagszeitung/bauer: replik #2» im «henusode-blog» und bei der «Journalistenschredder…»: «David Bauer und die Diktatur der Masse»). Oder man kann sich in einem pragmatischen Sinne folgende Fragen stellen: Erstens, nach welchen Kriterien ist eine begriffliche Unterscheidung zwischen massenmedialer Öffentlichkeit und Blogosphäre sinnvoll? Zweitens, ist eine solche Unterscheidung brauchbar? Und drittens, ist sie auch fruchtbar?

Massenmediale Öffentlichkeit versus Blogosphäre

Die massenmediale Öffentlichkeit lässt sich durch folgende Merkmale charakterisieren: Erstens basiert ihre Herstellung auf elektronischen und gedruckten Medien, deren Reichweite sich in der Regel durch bestimmbare kulturelle und politische Räume abgrenzen lässt. Zweitens ist sie umfassend und kennt keine Medienbrüche. Tritt eine Story in die massenmediale Öffentlichkeit ein, dann begleitet sie einen vom morgendlichen Radiohören unter der Dusche über die Zeitungslektüre in der Mittagspause bis hin zum abendlichen Fersehen. Drittens verfügt die massenmediale Öffentlichkeit bzw. deren Hersteller über eine gewisse Autorität und Glaubwürdigkeit. Die Autorität besteht nicht nur in der ökonomischen Macht, sondern auch im Quasimonopol über die Deutungshoheit unserer Lebenswelten. Es gibt nur eine massenmediale Öffentlichkeit. Und sie bestimmt mit dem Scheinwerferlicht der gebündelten Aufmerksamkeit der Zuhörer, Leser und Zuschauer, was wichtig auf dieser Welt ist und was nicht (man achte sich mal an einem Tag X: ob Radio, Zeitung oder Fernsehen – überall die gleichen Storys in den Schlagzeilen). Die Glaubwürdigkeit kommt in der gegenseitigen Unterstellung von Rechten und Pflichten zwischen den Herstellern und den Konsumenten der massenmedialen Öffentlichkeit zum Ausdruck. Die Konsumenten unterstellen den Herstellern das Recht der freien Meinungsäusserung und im Gegenzug verpflichten sich letztere, mehr oder weniger wahrheitsgetreu und objektive über den Lauf der Dinge zu berichten. Die Hersteller indes können die Konsumenten nicht dazu verpflichten, ihre Inhalte zu konsumieren. Es gibt in einer liberalen Gesellschaft auch das Recht des freien Medienkonsums. Schliesslich ist die massenmediale Öffentlichkeit die notwendige Bedingung für eine funktionierende Demokratie. Sie bringt idealer Weise die Bürger in Form über gesellschaftspolitisch relevante Zusammenhänge, sodass diese sich bei Wahlen und Abstimmungen ein eigenes Urteil bilden können.

Und die Blogosphäre? Sie ist keine Alternative zur massenmedialen Öffentlichkeit. Erstens ist sie unstrukturiert und uferlos. Sie schafft keinen endlichen und überschaubaren Orientierungsraum, sondern erschöpft sich immer wieder in ihrer unendlichen und unüberschaubaren Desorientierung. Zugegeben: Viele Diskussionen in der Blogosphäre decken sich mit real existierenden kulturellen und politischen Räumen (ich spreche ja auch von der Schweizer Blogosphäre, etc.), und es ist sogar ihr grosser Vorteil, dass es diese realen Grenzen in der Blogosphäre faktisch nicht gibt. Dafür bleiben die Beiträge, Kommentare und Diskussionen aus der Blogosphäre meist in der digitalen Welt eingekapselt. Die Blogosphäre ist, zweitens, um aus ihrer Kapsel auszubrechen, auf die Vermittlungsleistung der massenmedialen Öffentlichkeit angewiesen. Drittens fehlt es der Blogosphäre an Autorität und Glaubwürdigkeit. Die Mikropublizisten, die sie herstellen, verfügen in den seltensten Fällen über ökonomische Macht. Aufgrund ihrer Strukturlosigkeit kann zudem kaum von einem Quasimonopol die Rede sein (gehören die «NZZOnline» mit ihrer Kommentarfunktion oder «Facts 2.0» zur Blogosphäre?). Um die Glaubwürdigkeit der Blogosphäre ist es auch nicht gut bestellt. Was sie allenfalls beanspruchen kann, ist Authentizität. Schliesslich wäre es vermessen zu meinen, die Blogosphäre sei eine notwendige Bedingung für eine funktionierende Demokratie. Sie belebt allenfalls vor Wahlen und Abstimmungen etwas die ewig gleichen Kampagnen in der massenmedialen Öffentlichkeit.

Die Blogosphäre ist tot! Es lebe die Blogosphäre!

Was nun? Ist die Blogosphäre tot? Nein. Sie lebt! Was aber tot ist, ist die falsche Vorstellung, die Blogosphäre und ihre Mikropublizisten könnten eine echte Alternative zur massenmedialen Öffentlichkeit sein. Das hat die begriffliche Abgrenzung der massenmedialen Öffentlichkeit von der Blogosphäre gezeigt. Also: Entwarnung für alle professionellen Journalisten. Es braucht euch auch morgen noch.

Doch ist die Blogosphäre mehr als eine virtuelle Spassbox? Vermag sie mehr als blosse Orientierungslosigkeit zu stiften? Ich behaupte: ja. Die Vorzüge der Blogosphäre sehe ich in zwei Punkten. Ersten ist sie eine persönliche Ablage von mehr oder weniger wichtigen Informationen, Beobachtungen und Meinungen, die allgemein zugänglich sind. Ob jemand diese Inhalte für sich weiternutzen will, ist ihm selbst überlassen. Tatsache ist aber, dass der Inhalte zumindest für den Autoren von einer gewissen Bedeutung ist oder kurzzeitig war. Deshalb sehe ich in der Blogosphäre eine Art gespeicherter Authentizität. Authentizität ist, zweitens, immer ein Anknüpfungspunkt für einen Austausch über Gemeinsamkeiten und Differenzen. Und hier liegt die wahre Stärke der Blogosphäre: sie ermöglicht einen Austausch von Meinungen unabhängig von Raum und Zeit. Dass dieses dialogische Prinzip eine gewisse Anziehungskraft hat, zeigt nicht nur die anhaltende Erfolgsgeschichte des Bloggens, sondern auch der Versuch es in die massenmediale Öffentlichkeit zu integrieren (mein Lieblingsbeispiel ist immer noch die «Neue Zürcher Zeitung», die ja nicht gerade durch grosse Innovationen auffällt, und doch in ihrer Online-Ausgabe eine Kommentarfunktion hat). Die Hersteller der massenmedialen Öffentlichkeit wollen nicht nur Autorität und Glaubwürdigkeit, sondern auch Authentizität. Diese finden sie nur im dialogischen Austausch mit ihren Hörern, Lesen und Zuschauern. Und hier befindet sich auch der gemeinsame Berührungspunkt zwischen massenmedialer Öffentlichkeit und Blogosphäre.

Bildquelle: stockxpert.com

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« Die «SonntagsZeitung» über «Bla-Bla-Blogger» – Finanzkrise: Vertrauen schaffen mit Web 2.0? »

Info:
«Ist die Blogosphäre tot?» ist Beitrag Nr. 12
Autor:
Christian Schenkel am 3. Dezember 2008 um 20:38
Kategorie:
Grundlagen
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1 Kommentar »

  1. eDemokratie.ch » Blog Archive » Ist die Blogosphäre tot?

    [...] Crossposting mit dialogische-kommunikation.ch [...]

    #1 Pingback vom 03. Dezember 2008 um 20:45

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