Zum Inhalt springen


Dialogische Kommunikation - Arbeit an der Öffentlichkeit


Plädoyer für «Bund 2.0»

Diese Woche ist das Komitee «Rettet den Bund» erstmals vor die Presse getreten. Dem Komitee gehören inzwischen 13‘000 Mitglieder an. In der Form eines Vereins soll im Mai 2009 parallel zum Komitee eine Trägerschaft mit dem Namen «Verein Berner Medienvielfalt» gegründet werden. Der Verein will sich gegen ein drohendes Pressemonopol im Grossraum Bern zur Wehr setzen.

Ich unterstütze das Komitee «Rettet den Bund» nach meinen Möglichkeiten und setze mich insbesondere für einen «Bund 2.0» ein. Und zwar aus folgenden Gründen.

Strukturwandel der Massenmedien

Jede demokratische Gesellschaft ist auf funktionierende Massenmedien angewiesen, die einerseits eine effiziente Verständigung über die geltenden Normen und Sitten sicherstellen und andererseits eine öffentliche Meinungs- und Willensbildung in Bezug auf gesellschaftspolitische Probleme ermöglichen. Die Massenmedien stehen deshalb in der gesellschaftlichen Pflicht, dem Primat des Öffentlichen über das Private folge zu leisten. In den letzten Dekaden indes ist dieses Primat in zwei Hinsichten unterwandert worden.

Seit dem Niedergang der Parteipresse sind die Herausgeber traditioneller Presseerzeugnisse privatwirtschaftlich organisiert. Bei der Herstellung massenmedial vermittelter Öffentlichkeit gilt deshalb das Primat der Privatheit. Aus Sicht der Verleger steht der wirtschaftliche Eigennutz, und nicht eine gesellschaftspolitische Idee im Vordergrund.

Das Aufkommen des Internets hat auf inhaltlicher Ebene dem Primat der Privatheit zum Durchbruch verholfen. Das Internet ist eine halb öffentlich, halb private Sphäre, wo über die eigenen Befindlichkeiten gezwitschert wird. Es ist eine Art politischer Ort, wo sich in Meinungs-Clustern die Fronten verhärten, wo der Dissens normal und der Konsens anormal ist. Unabwendbar ist der Trend, der im Internet aus blossen Konsumenten auch Produzenten von Meinungen gemacht hat.

Die aktuelle Krise der traditionellen Medien hat nicht nur mit der allgemeinen Krise in der Privatwirtschaft zu tun, sondern auch mit dem teilweise hilflosen Umgang mit dem Internet, in dem die private Ansprüchen und Meinungen der Medienkonsumenten zum Ausdruck kommen.

Knappes Gut: Glaubwürdigkeit

Nachdem 1989 im real existierenden Sozialismus das absolute Primat der Öffentlichkeit versagt hat, scheint 20 Jahre später auch das absolute Primat der Privatheit an seine Grenzen zu stossen. Die grosse Menge an «toxischen» Derivaten, auf denen viele Grossbanken der Welt sitzen, für die es keine Märkte mehr gibt und deren wahrer Wert weiterhin unbekannt ist, ist nur symbolischer Ausdruck für diese Entwicklung.

Die Verunsicherung ist gross und niemand weiss genau, welche privaten und öffentlichen Institutionen es noch würdig sind, ihnen Glauben zu schenken. Die aktuelle Krise ist auch eine Krise der Glaubwürdigkeit. Sie ist im wirtschaftlichen und im politischen Handeln zu einem knappen Gut geworden.

Mit Blick auf die Medienlandschaft gibt es noch einige traditionelle Titel, die für dieses Gut stehen; doch auch sie sind in ihrer Existenz gefährdet. Gemäss einer aktuellen Studie befindet sich die Zeitungsbranche in den USA im «freien Fall» (vgl. www.journalism.org). In der Bundeshauptstadt steht nun «Der Bund» zur Disposition. Die selbsternannte «unabhängige liberale Tageszeitung», die 1850 gegründet wurde.

Erfolgsrezept: Komplementarität

Aus der aktuellen (Medien-)Krise kann nur ein Überdenken des Verhältnisses zwischen Öffentlichkeit und Privatheit führen. Es gibt weder ein Primat der Öffentlichkeit noch ein Primat der Privatheit. Sowohl der Staat als auch die Wirtschaft haben ihre Rechte und Pflichten gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen. Öffentlichkeit und Privatheit, Staat und Wirtschaft sind nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Prinzipien und Institutionen zu denken, die dem Fortkommen der Gesellschaft zu dienen haben.

Mit Blick auf die Wirtschaft müssen die Nationalstaaten gemeinsam die verbindlichen Spielregeln des unternehmerischen Handelns in einer globalisierten Welt neu bestimmen. Die wirtschaftlichen Akteure indes müssen sich dazu verpflichten, diese Spielregeln nicht dauernd unter dem Vorwand des «Standortvorteils» zu unterwandern. Dies ist nicht eine Frage der Quantität, sondern der Qualität der zu erarbeitenden Spielregeln. Wenige, gemeinsame Regeln sind die notwendige Voraussetzung für rationales Handeln.

Die Nationalstaaten und ihre Regierungen müssen die Mitglieder der Gesellschaft mehr und besser ins politische Handeln integrieren. Mit Wahlen allein, die alle vier Jahre stattfinden, ist es nicht getan. So kann politisches Handeln nicht wirklich legitimiert werden. Hier bieten die neue Informationstechnologie auch ganz neue Möglichkeiten und Chancen.

Komplementarität heisst mit Blick auf die Massenmedien, dass sie Kraft ihrer Glaubwürdigkeit einen Verständigungsprozess zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ermöglichen. Dabei braucht es professionelle Beobachter und Analysten genauso wie ein kritisches Publikum, das sich mittels der dialogischen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet einbringen kann.

Was heisst das nun alles für den gefährdeten «Bund»?

«Bund 2.0»

Der «Bund» ist ein Marke, die seit bald 160 Jahren bestand hat. Als regelmässiger Leser des «Bunds» und Beobachter der hiesigen Medienszene glaube ich, sagen zu dürfen, dass er eine hohe Glaubwürdigkeit geniesst, die aufzugeben ein grosser Verlust wäre. Tatsache ist aber, dass er in der aktuellen Form nach privatwirtschaftlichen Prinzipien kaum eine Überlebenschance haben wird. Eine wirtschaftliche Zukunft wird es für einen «Bund» also nur geben, wenn es Institutionen und Private gibt, die bereit sind, ein «unabhängiges» und «liberales» Medium zu tragen. Komplementarität heisst hier: Es besteht jenseits von Angebot und Nachfrage ein gemeinsames Interesse für die Herstellung eines öffentlichen Verständigungsprozesses aus der Bundeshauptstadt.

Mit dem «Kleinen Bund» besteht heute schon eine Wochenendbeilage, die über die Alltagsaktualität hinaus Hintergründe liefert. Diesen könnte man Ausbauen und im Gegenzug die gedruckte Tageszeitung aufgeben. An deren Stelle würde eine Online-Ausgabe treten, die nicht nur über die Tagesaktualität berichtet, sondern auch die Einwohner der Schweiz in das Geschehen rund um und in der Bundeshauptstadt miteinbezieht. Komplementarität heisst hier: Eine gute Ergänzung zwischen Aktualität und Hintergrund, zwischen Print- und Online-Angebot sowie zwischen professioneller Beobachtung und zivilgesellschaftlichem Einspruch zu finden.

Schliesslich bin ich tief davon überzeugt, dass ein Medienprodukt mit dem Namen «Bund», das kritische und professionell über die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Angelegenheiten, die in der Bundeshauptstadt verhandelt werden, berichtet und gleichzeitig die Schweizerinnen und Schweizer sowie die hier lebenden Ausländer in diesen Verständigungsprozess miteinbezieht, eine überregionale Ausstrahlung gewinnen könnte.

Weiterführende Links

Bildquelle

« Internet: Ein Medium zwischen Basis und Elite – Die Rolle der dialogischen Online-Medien in der demokratischen Meinungs- und Willensbildung »

Info:
«Plädoyer für «Bund 2.0»» ist Beitrag Nr. 16
Autor:
Christian Schenkel am 28. März 2009 um 14:08
Kategorie:
Medien
Tags:
, , , ,  
Trackback:
Trackback URI
Statistik:
Dieser Beitrag wurde 1.407 gelesen.
Funktionen:
Beitrag mailen Beitrag mailen  Beitrag drucken Beitrag drucken

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

Kommentar-RSS: RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Einen Kommentar schreiben