Das Internet hat in den letzten Jahren zwei Megatrends in der Kommunikationspraxis hervorgebracht: Einerseits verlieren die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zunehmend an Konturen. Andererseits greifen dialogische Kommunikationsformen immer mehr in hierarchische Informationsstrukturen über. Diese zwei Megatrends sind nicht losgelöst voneinander zu betrachten.
In diesem Beitrag möchte ich den Strukturwandel der Kommunikationspraxis aus einer Vogelperspektive beschreiben. Aus dieser Perspektive unterscheiden wir grob zwischen dem Sozialbereich (Familie, Kirche, Vereine) dem Staat (Exekutive, Judikative und Legislative) sowie der Wirtschaft (öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Unternehmen). Die drei Bereiche lassen sich einteilen in eine private und eine öffentliche Sphäre (vgl. Grafik).
Privatisierung der Öffentlichkeit
Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene können wir eine zunehmende Privatisierung der Öffentlichkeit beobachten. Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschieben sich, ja lösen sich teilweise sogar auf. Traditioneller Weise sind in den sozialen, staatlichen und wirtschaftlichen Bereichen die private und öffentliche Sphäre sowie die damit einhergehenden Zugangsmöglichkeiten auf Informationen klar definiert. So ist es für uns selbstverständlich, dass wir in unserem privaten Konsumverhalten auf öffentlich zugängliche Produkt- und Dienstleistungsinformationen aus der Wirtschaft zurückgreifen können. Demgegenüber empfinden wir es vermutlich als störend, wenn ein öffentlicher Zugriff auf unser privates Konsumverhalten bestünde. Genau dies ist aber im Internet der Fall. Das individuelle Konsumverhalten bezüglich Informationen, Bilder, audiovisuelle Inhalte, Produkte und Dienstleistungen wird im Internet fein säuberlich dokumentiert. Diese Tatsache ist inzwischen allgemein bekannt. Doch sind sich noch lange nicht alle der vollumfänglichen Konsequenzen bewusst. Denn oft ist unklar: Wer alles darf diese Konsuminformationen einsehen und nutzen? Dürfen sie allenfalls an Dritten weitergegeben werden? Wer bestimmt das? Auf diese Fragen gibt es für das Internet keine allgemein verbindlichen Antworten.
Diese Problematik provoziert die nächste Frage: Wer bestimmt denn mit welcher Legitimation die Spielregeln im Internet? In der real existierenden Gesellschaft verhält es sich in der Regel so, dass der Staat in einem öffentlichen Meinungs- und Willensbildungsprozess bestimmt, welche Spielregeln in Form von Verordnungen und Gesetzen für den Sozialbereich, den Staat und die Wirtschaft gelten. Im Internet hingegen sind es Private, die den Online-Konsumenten auf einer supranationalen Ebene die Verhaltensregeln nach ihrem Gutdünken vorschreiben. Man denke da etwa an die «Corporation for Assigned Names and Numbers» (ICANN), die eine privatrechtliche Non-Profit-Organisation nach kalifornischem Recht ist. Sie entscheidet über die Verwaltung der «Top Level Domains» im Internet und koordiniert die technischen Aspekte des Internets. Dazu kommen die grossen Telekommunikationsunternehmen, die die technische Infrastruktur des Internets zur Verfügung stellen. Schliesslich spielen auch die grossen Anbieter von Portalen wie Microsoft, Google, Yahoo, Youtube, MySpace, Facebook, etc eine nicht unwesentliche Rolle. Sie alle setzen mit ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) im Internet neues Recht, das nicht öffentlich legitimiert ist. Denn das Prinzip der Öffentlichkeit besagt, dass alle Individuen Zugang zu Informationen über das Zustandekommen verbindlicher Entscheidungen haben sollten, von denen sie selbst betroffen sind.
Das Öffentlichkeitsprinzip führt und schliesslich zu Fragen wie: Ist das Internet der privaten oder öffentlichen Sphäre zuzuordnen? Und wem gehört das Internet überhaupt? Noch gibt es keine supranationale Institution, die legitimiert ist, allgemein verbindliche Standards und Spielregeln für das Internet als öffentlichen Raum zu setzen und durchzusetzen. Die Idee, das Internet der Organisation der Vereinten Nationen (UNO) zu unterstellen, wird in diesem Zusammenhang immer wieder diskutiert.
Veröffentlichung der Privatheit
Das Internet ist ein ausgezeichnetes Mittel zur Etablierung dialogischer Kommunikationsformen. Noch nie war es so einfach, unabhängig von Raum und Zeit schnell Informationen und Meinungen auszutauschen. Die Möglichkeit der dialogischen Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für die Herstellung von Öffentlichkeit im Sinne einer Instanz, die die Setzung und Durchsetzung verbindlicher Handlungsregeln legitimiert. Liberale Demokratien haben in der Regel eine offene, dialogische Kommunikationspraxis während sich autoritäre Gesellschaften durch eine hierarchische Informationspraxis auszeichnen. Das Internet bietet aber die einfache Möglichkeit, hinter verschlossenen Türen gefällte Entscheide und sensible Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Chance oder ein Risiko? Abschliessend lässt sich diese Frage nicht beantworten.
Nirgendwo lässt sich die politische Sprengkraft von Blogs besser beobachten als in autoritären Gesellschaften, wo die Blogosphäre zensuriert und die Publizisten von Blogs verfolgt werden. Man denke da an bestimmte Länder in Afrika, im Nahen Osten und im asiatischen Raum. Der in Teheran geborene Bahman Nirumand hat auf die eminente Rolle hingewiesen, die der «grosse Zauberkasten Internet» in Bezug auf die Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit in autoritären Gesellschaften spielt. In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 16. Januar 2006 hat der heute in Berlin lebende Schriftsteller und Publizist geschrieben: «Aber den eigentlichen Durchbruch brachten nicht Film, Radio und Fernsehen, es war das Internet, das den islamischen Traditionalisten in ihrem Kulturkampf die endgültige Niederlage zufügte. Das Internet hat mit einem Schlag die Tore zur Aussenwelt geöffnet und den Menschen im Land die Gelegenheit verschafft, ihre eigene Gesellschaft aus Distanz zu betrachten, mit Andersdenkenden im Ausland zu kommunizieren und sich über Vorgänge und Ideen in anderen Teilen der Erde zu informieren. Das Internet hat eine Revolution erzeugt, die sich im Stillen und weitgehend ausserhalb der Kontrolle der herrschenden Macht ihren Weg bahnt. Das Internet ist der Triumph der Technik über Diktaturen, die ihrem Volk das Denken verbieten und Informationen vorenthalten.»
Interessant wird weiterhin zu beobachten sein, wie der Strukturwandel der Kommunikationspraxis auch die liberale Demokratien verändern wird. Während in den USA das Internet in der politischen Kommunikation bereits eine immanent wichtige Rolle spielt, zeigen sich in Europa noch viele politische Akteure vis-à-vis der Entwicklungen in der Online-Kommunikation unbeeindruckt. Dies mag nicht zuletzt mit gewissen institutionellen und kulturellen Rahmenbedingungen zusammenhängen.
Schliesslich steht auch die Kommunikationspraxis in der Wirtschaft vor grossen Herausforderungen. Die elektronische Vernetzung von Arbeitsplätzen reisst zunehmend die Grenzen zwischen der Innensicht (Privatheit) und der Aussensicht (Öffentlichkeit) eines Unternehmens nieder. Einerseits können interne Informationen in Sekunden im Internet landen und umgekehrt dringen immer mehr externe Informationen ins Unternehmen. Die dialogischen Kommunikationsformen, sei es im Internet oder in einem Intranet, erlauben den Mitarbeitenden auf einfache Art und Weise, sich gegenseitig zu vernetzen und auszutauschen. Die entscheidende Frage ist hier, ob die Unternehmenskommunikation diese Entwicklung als Risiko einschätzt oder als Chance, die notwendige Führungsinformation mit eine identitätsstiftenden Unternehmenskommunikation sinnvoll zu ergänzen. Letzteres, so meine Prognose, wird sich als Unternehmenskultur bei Firmen durchsetzen, die auch morgen noch stark und flexibel in hart umkämpften Märkten auftreten werden.
Weiterführende Links
- Jeff Jarvis über den Nutzen von Öffentlichkeit Zeit Online 06.05.2009


Bald Regulation der Blogosphäre in der EU? auf fairblogging.ch
[...] «Strukturwandel der Kommunikationspraxis» dialogische-kommunikation.ch vom 21.06.2008 [...]
#1 Pingback vom 27. Juni 2008 um 11:11