Ein Gespenst geht um im deutschsprachigen Teil der Blogosphäre, von Twitterland und Facebook. Die aktuelle Ausgabe des «Spiegels» behauptet auf der Titelseite die Notwendigkeit der Regulierung des Internets («Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht.», Heft 33/2009).
Diesseits und jenseits Internets hält sich hartnäckig der Mythos, die einzige Regel des Internets sie die Unreguliertheit! Alles ist möglich im Internet: jede Fantasie kann ausgelebt und jede kriminelle Energie entladen werden. Doch verhält sich das wirklich so? Ist das Internet der unregulierte Raum schlechthin? Und worin fühlen sich die wachsamen Bürgerinnen und Bürger sowie Politikerinnen und Politiker gestört, die nach einer Regulierung des Internets verlangen?
Die Bedingungen der Möglichkeit
Wollen wir uns diesen Fragen nähern, müssen wir zuerst einmal feststellen, dass eine Vielzahl von Regeln die Bedingungen der Möglichkeit von Mitteilung und Antwort im Internet bilden. Die Basisregel der Informationstechnologie lautet: 1 oder 0. Zu den technischen Grundregeln kommen verschiedene Sprachregeln. Dabei sind nicht nur die Regeln der Computersprachen, sondern auch die Regeln der menschlichen Ausdrucksweise gemeint. Jeder, der sich im Internet bewegt, muss die Grammatik und die Bedeutung von Wörtern und Sätzen sowie von Bildern und Tonfolgen verstehen. All diese Regeln können aber nicht gemeint sein, wenn von einer Regulierung des Internets die Rede ist.
Erwartungen und Erwartungshaltungen
Das Internet ist ein öffentlicher Ort. Denn niemandem würde es in den Sinn kommen, in einer liberalen Demokratie die Regulierung des physischen Briefverkehrs, der Telefongespräche, des Versendens von SMS und E-Mails zu verlangen. Dies sind alles Beispiele für den Einsatz einer bestimmten Technik für Mitteilung und Antwort in der Privatheit. Doch im Internet ist prinzipiell jede Mitteilung jedem Besucher zugänglich. Und dies Widerspricht der gängigen Erwartungshaltung, die wir vis-à-vis öffentlichen Räumen haben. Genau um diesen Aspekt dreht sich die Diskussion. Jemand kann seine privaten Fantasien und kriminellen Energien mit anderen Personen hinter verschlossenen Türen teilen. Doch die Öffentlichkeit will nichts davon wissen. Dies nicht zuletzt darum, weil sie die nachkommende Generation in ihre Welt mit ihren Sitten und Normen hinein(er)ziehen will.
Die Frage nach der Regulierung des Unregulierten dreht sich im Kern also darum, was unsere Erwartungen und Erwartungshaltungen an das Verhalten des Andern im öffentlichen Raum sind. Es geht nicht um die instrumentellen Regeln, die Kommunikation ermöglichen, sondern um die Regeln, wie wir uns als Menschen begegnen wollen. Und diese Regeln haben keine zweckbedingten Notwendigkeiten. Sie sind frei verhandelbar – durch unsere Taten und Worte.
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